Ich wurde an einem kalten Aprilmorgen geboren. Es war noch fast dunkel, als

ich das Licht der Welt erblickte und dennoch erkannte ich gleich, dass mir

gefiel was ich sah: das Gebirge des Kaukasus und der markante Doppelgipfel

des Elbrus.

 

Der Wind wehte noch etwas Schnee vor sich her und die Sonne ging gerade über

dem östlichen Horizont auf. Es war kalt, aber die Herde in der ich

aufwachsen sollte, hatte sich um meine Mutter und mich geschart, um uns zu

schützen, zu wärmen und vor allem um mich zu begrüßen. Wer ich bin ? - Ich

bin einer der letzten Hengste der Kabardiner und hoffentlich ein Stammhalter

für viele zukünftige Generationen, auf dass mein Geschlecht nicht in

Vergessenheit gerate...


Evita

 

So oder so ähnlich beginnt die Geschichte eines Kabardiners. Sie sind eine der härtesten Gebirgspferderassen der Welt, manche bezeichnen Sie sogar als die Beste. Leider sind sie stark in Vergessenheit geraten und ihr Fortbestand ist bedroht. Lassen Sie sich im Folgenden ein wenig mehr über diese in Westeuropa immer noch sehr unbekannte Rasse berichten und ein wenig in Regionen entführen, die schon Tolstoi beflügelten und der Ursprung der tscherkessischen Reitervölker sind.


 

Das Land der Kabardiner

Kabardiner stammen aus dem Kaukasus – einer wildromantischen Gebirgsregion im Süden der ehemaligen Sowjetunion. Er erstreckt sich über die heutigen Staaten Russland, Georgien, Aserbaidschan bis in den Irak und die Türkei und reicht von der Küste des schwarzen Meeres bis an die Steppen Kasachstans.

Die Kabardiner sind im gesamten Kaukasus verbreitet, jedoch hauptsächlich im Norden, im Gebiet der heutigen teilautonomen Republik Kabardino-Balkarien, wo auch ihre größten Zuchtgebiete liegen. Hier liegt auch das Dach des Kaukasus und Europas – denn ja, der Kaukasus gehört noch zu Europa. Der Elbrus mit seinem markanten Doppelgipfel und einer Höhe von 5632m prägt und überragt die Region und ist weithin sichtbar.

Ganz Kabardino-Balkarien wird durchzogen von unzähligen schmalen Tälern, Gebirgsbächen und Flüssen, deren wichtigster der Kuban ist. Die heißen, heilkräftigen Quellen machten das Gebiet schon unter kommunistischer Herrschaft zu einem beliebten Urlaubsgebiet. Viele große Schriftsteller und Künstler ließen sich von Reisen in den Kaukasus inspirieren, manche blieben länger oder kehrten immer wieder hierher zurück, so Tolstoi oder Gogol.

Das Klima im Kaukasus ist kontinental geprägt. Die Sommer sind warm und trocken, die Winter kalt und schneereich. Von März bis Ende Oktober können die Herden auf über 3500m hoch gelegenen grünen Gebirgsweiden gehalten werden. Auf diesen Hochalmen bieten sich ideale Aufzucht Bedingungen mit genügend, aber nicht zu eiweißreichem Futter, harten und festen Böden für hervorragende Hufe und Beine, frischer Höhenluft und viel Bewegungsraum für die aktiven Pferde.

Im Winter müssen die Pferde in niedrigere Gebiete ziehen, in denen ihnen ebenfalls große Flächen zur Verfügung stehen, aber eine Futterversorgung leichter möglich ist.

Dieses Klima, das zerklüftete, harte Land, die große Höhe, das Wasser und die zur Verfügung stehende Nahrung prägen Mensch und Tier und haben großen Einfluss auf alles was hier lebt. Die Region ist berühmt für Alter und Gesundheit der dort lebenden Menschen, so sind 90 und 100-jährige keine Seltenheit, und was für den Menschen dort gilt, gilt natürlich auch für die Tiere. Es ist schon ein besonderes Gebiet das die Kabardiner Ihre Heimat nennen und es ist auch der Grundstein für Ihre besonderen Qualitäten.

 

Geschichte

Der Kaukasus war seit jeher ein großes Handelsgebiet, in dem viele Völker und Wanderer und auch deren Pferde sich trafen und ihre Spuren hinterließen. Es entwickelte sich eine ganz besondere, eng mit dem Pferd verknüpfte Kultur. Den Namen „Kabardiner“ haben die Pferde von Ihren Züchtern bekommen, die ebenfalls „Kabardiner“ heißen. Das Volk der Kabardiner ist ein Stamm der Tscherkessen einer großen und alten – bei uns nahezu unbekannten – Volksgruppe. Die Tscherkessen, oder Adyge wie sie sich selbst nennen, leben bereits seit Jahrhunderten im Kaukasus und sind ein ehrvolles und kriegerisches Volk. Die einzelnen Stämme lagen immer wieder untereinander in Fehde und kämpferische Auseinandersetzung – meist zu Pferd – gab es sehr häufig. Das Pferd hatte und hat in dieser Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert. Immer wieder kreuzten sie im Verlauf der Jahrhunderte auch die Pferde aus ihrer Kriegsbeute oder von Reisenden ein, um deren Qualitäten auf ihre eigenen Pferden zu übertragen.

Jeder Reiter hatte sein eigenes Pferd - sein höchstes Gut - das er fürsorglich behandelte. Für andere hingegen war es durch die enorme Prägung schwierig mit dem Pferd umzugehen, für Diebe oft unmöglich. Die Pferde kehrten kurzerhand, auch über größere Distanzen und unwegsames Gelände, zu Ihren Besitzern zurück. Sie waren im Kampf behände, wie es die gebirgige Region erforderte und erlangten eine enorme Zuverlässigkeit. Die Zucht der Kabardiner endete aber nicht mit dem Ende der berittenen Kriege.



Tscherkessen nach einem Gemälde von Theodor Horschelt 1862

Auch im 20. und 21.Jahrhundert wurde und wird die Rasse gebraucht. Zum einen ist der Kaukasus für Fahrzeuge nicht besonders gut zu erschließen, zum Anderen ist das Volk arm. So waren und sind auch heute noch immer die Kabardiner für viele Zwecke des Lebens eingesetzt, vom Ackerbau bis hin zur Grenzpatroullie im Hochgebirge und auch als Handelsgut. Das Einsatzspektrum erklärt auch das Vorhandensein der verschiedenen Typen, vom schwereren Arbeits- und Lastpferd bis hin zum schnellen, wendigen Pferd, das Gebirgspfade entlang tänzelt. Um die Pferde gefälliger zu machen, wurde bereits früh im 20.Jahrhundert begonnen Vollblut einzukreuzen. Dies führte zu etwas größeren, eleganteren Pferden, die aber immer noch den Namen Kabardiner tragen. Der Vollblutanteil

wurde damals noch relativ niedrig gehalten, manifestierte sich aber in der gesamten Rasse. Mit der Zeit wurde er gesteigert, woraus dann der Anglo-Kabardiner entstand. Das primäre Ziel war, ein schnelleres Pferd für die in Mode gekommenen Flachrennen und generell den Sport zu schaffen.

 

Die Zeit der Arbeitspferde im großen Maßstab geht langsam zu Ende und neue Ausrichtungen der Zucht und ein Markt sind für einen Rasseerhalt nötig. Die Industrialisierung war im Kaukasus nie sonderlich schnell und auch aufgrund der Landschaft werden dort auch weiterhin Pferde als Transportmittel und für die tägliche Arbeit benötigt. Auch die Kultur der Kaukasier ist zu stark an das Pferd gebunden um dies schnell aufzugeben. So war es hier möglich, neben dem Sportpferd auch ein originäres Gebrauchspferd zu erhalten, das in vielen "Gebrauchsbereichen" dem Sportpferd weit überlegen war und ist.



Wie sehen Kabardiner aus? (Rassebeschreibung)

Zuerst einmal sind sie nicht zu klein und nicht zu groß. Kabardiner verfügen über etwa 153 bis 158cm Stockmaß, Anglo-Kabardiner werden 5 bis 10 cm größer. Vorherrschend sind Sie braun oder Sommerrappen, es gibt auch einige Schimmel und Füchse und gerade durch den Vollblutanteil steigt die Farbvielfalt. Durch ihre Proportionierung wirken Kabardiner sehr edel, was durch einen trockenen Kopf und üppigen Behang noch verstärkt wird. Sie verfügen über hervorragende, ebenfalls trockene Gelenke und Beine und sehr harte Hufe, die nur bei stärkster Beanspruchung Beschlag benötigen. Ein besonderes Merkmal der Kabardiner ist ihre abgeschlagene Kruppe und ihre Hinterhand, die oft säbelbeinig und kuhhessig ist. Dies ist aber keinesfalls ein Makel, hat sich doch gerade diese Hinterhand durch die Jahrhunderte lange Gebirgszucht herausgebildet und ist besonders für anspruchsvolles Gelände, wie steile und rutschige Gebirgspfade, geeignet. Sie ermöglicht außerdem besonders weiche Gangarten und somit einen besonders angenehmen Sitz. Die Gänge der Kabardiner sind raumgreifend und viele verfügen über eine Tölt- und manchmal sogar eine Passveranlagung. Kabardiner sind keine Durchgänger, da dies im Hochgebirge auf schmalen Pfaden verhängnisvoll wäre. Das Verhalten bei Gefahr hat sich so entwickelt, dass die Pferde sich der Gefahr zuwenden, sich das ganze erst anschauen und dann versuchen sich zu verteidigen, falls es denn wirklich nötig sein sollte. Interessant hierbei ist, dass im Herdenverband die schwächsten Mitglieder in die Mitte genommen werden und so eine Burg entsteht mit den Verteidigern außen. So können die Pferde sogar Wolfsrudel abwehren. Die Rasse hat aus dem kriegerischen Einsatz und der harten Aufzucht einen sehr starken Charakter entwickelt. Sie sind nahezu unbeugsam, aber treu und ihrem Besitzer gegenüber uneingeschränkt kooperativ und willig. Wobei der Besitzer nicht eine einzelne Person sein muss, es geht vor allem um die häufigen Bezugspersonen. Fremde können mit Ihnen leicht Probleme haben, vor allemwenn sie versuchen ihren Willen zu brechen oder sie ungerecht bestrafen. Kabardiner haben hier ein enormes Rechtsgefühl und haben Sie etwas "ausgefressen", sind sie sich dessen meist voll bewusst - nur eine kleine Rüge lässt sie dann sofort zusammenfahren und zurückweichen. So erreicht man bei einem Kabardiner mit Verständnis und Engagement alles, aber niemals mit Gewalt sein Ziel. Zu erwähnen ist noch, dass die Rassebeschreibung vor allem auf den Kabardiner, aber auch zum Großteil auf den Anglo-Kabardiner zutrifft, ebenso wie auf den Karatschaier, der eine Rasse oder zumindest einen Rassetyp, die dem Kabardiner sehr nahe steht, darstellt. So wurde die Zucht der Karatschaier schon immer im Stutbuch der Kabardiner mitgeführt. Erst in jüngerer Zeit erfolgen Trennungsbestrebungen aufgrund – teils verständlicher - völkischer Interessen, die aus Züchtersicht eher unsinnig erscheinen, da sogar Rassebeschreibung und Zuchtziel nahezu identisch sind. Für Interessierte sei der Kontakt am Schluss genannt, über den weitere Informationen zu den Unterschieden der Typen und aktuellen Entwicklungen verfügbar sind.



Kabardiner Hengst


Heutiger Stand in Russland, Deutschland und Anderswo

Durch die Auflösung der Sowjetunion ist die hervorragende Pferdezucht Russlands in erhebliche Schwierigkeiten geraten, was natürlich auch die Pferde der Kabardinerrasse betrifft.  So ist viel über die Vergangenheit der Pferde verloren und obwohl es viele Kabardiner im Kaukasus gibt, ist es schwierig genügend Pferde zum Erhalt der Rasse mit einer ordentlich dokumentierten Abstammung zu finden. Dennoch wird gerade in letzter Zeit, dank engagierter Idealisten, der Rückbesinnung auf alte Werte und auch durch die Unterstützung und das Interesse aus Deutschland, die Situation wieder besser. Heute wird in Russland von staatlicher Seite etwas mehr Wert auf den Anglo-Kabardiner gelegt, der ja eben für den Sport tauglicher ist. So setzt man Hoffnungen darin, mit größeren Anglo-Kabardinern im Spitzensport mitzuhalten und einen Markt zu finden, auf dem diese Pferde auch außerhalb einer schwer zu finanzierenden Tradition, überleben können. Die Zucht der Kabardiner bleibt größtenteils den Idealisten vorbehalten, die aber nicht minder ehrgeizig sind und ihre Pferde erfolgreich im Distanzsport platzieren. Man darf auch nicht vergessen, dass sich der heutige Kabardiner von dem Ursprungspferd bereits viel weiter entwickelt hat. Zucht und gute Selektion haben auch ohne weitere Erhöhung des Vollblutanteils ein größeres, eleganteres und auch sportlicheres Pferd geschaffen. Auch in vielen anderen Ländern wächst das Interesse an den Kabardinern, so vor allem in den osteuropäischen Staaten, der Türkei und besonders in Deutschland. Aber auch in Frankreich, England, der Mongolei und sogar in den USA finden sich Kabardiner, die von Ihren Besitzern außerordentlich geschätzt werden, ob nun als Freizeitpferd oder im Distanzsport.

 

 

 

Was ist nun das Besondere am Kabardiner und warum soll man sie erhalten?

 

Kabardiner sind eine Rasse mit Hand und Fuß - Gebrauchspferde wie man so schön sagt. Sie vereinen viele Qualitäten in sich, die man sonst nur bei Spezialisten findet. Sie sind Kumpel durch dick und dünn, begleiten in der Freizeit mit Freude am Laufen, sind jederzeit zuverlässig und kontrollierbar, und sind gleichzeitig doch sehr temperamentvoll. Ihre "Heimat" ist das Gelände, sie nehmen schwierigstes Geläuf ohne mit der Wimper zu zucken und traben, wo bei anderen Pferden längst abgestiegen und geführt werden muss. Sie sind sehr leichtrittig, verfügen über eine außerordentliche Kondition und Regeneration und stundelanges Rumtreiben ist kein Problem - für Pferd und Reiter. Sie sind ideale Wanderreitpferde und auch für ambitionierte Reiter geeignet. Wenn sich einmal Lust auf Wettbewerbe und Turniere beim Reiter zeigt, sind Kabardiner in fast allen Disziplinen geeignet, sei es Dressur oder Distanz, Vielseitigkeit oder Springen, Reining oder Horsemanship. Zu guter letzt sei erwähnt, dass Kabardiner lange leben, kaum anfällig für Krankheiten und Verletzungen sind und über enorme Selbstheilungskräfte verfügen. Sie haben sehr harte Hufe und hervorragende Gelenke und einen stabilen Körperbau und bereiten so über niedrige Tierarzt- und Hufschmiedkosten und wunderbare Ausritte auch jenseits der 20 Jahre ihrem Besitzer viel Freude.


Aktuelles und Zukunft


Im Kaukasus arbeitet man endlich wieder daran die Stutbücher auf Vordermann zu bringen und die vorhandenen Pferde zu registrieren und Abstammung zurückzuverfolgen. Natürlich ist das immer auch eine Geldfrage und auch mit einem großen Aufwand verbunden. Dennoch kann man bald mit einem neuen Kabardinerstutbuch rechnen.

In Deutschland finden sich im Freizeitbereich bereits über 250 Pferde mit steigender Tendenz. Der Nachschub kommt zum Großteil aus dem Kaukasus, aber auch zu einem Teil aus deutscher Nachzucht. Gerade diese Nachzucht überzeugt durch ihre Qualität und trägt auch weiterhin die hochwertigen genetischen Anlagen ihrer Ahnen in sich. Leider ist für kaufwillige Interessenten hier kaum ein Fohlen zu ergattern, da nur wenige Fohlen von den Züchtern überhaupt verkauft werden.

Besonders zu erwähnen sind die aktuellen Erfolge im Distanzsport, so haben z.B. 3 Kabardiner erfolgreich bei den polnischen Meisterschaften 2003 teilgenommen, in Deutschland und Frankreich sind auch erste Erfolge bei Distanzritten zu vermelden und sogar zur Europameisterschaft in Irland wird ein Team aus dem Kaukasus erwartet. Ganz sicher wird man hier bald noch viel mehr hören. Aber nicht nur hier erwarten wir eine Verbesserung, entdecken doch immer mehr Freizeitreiter die Kabardiner als treue Freunde für sich – vielleicht auch Sie?


Tobias Knoll
www.kabardiner.de