Wenn man vom Kaukasus spricht, so denkt man an Jason der mit den Argonauten das goldene Vlies raubte und es nach Griechenland brachte. Hier strandete Noah mit seiner Arche, hier wurde Prometheus an den Felsen geschmiedet. Den eisigen Kaukasus, von dem Shakespeare sang. Eine Wiege der alten Zivilisation oder der Berg der Sprachen wie er auch genannt wird.



Das Panorama dieses Stückchen Lands ist schier atemberaubend aber auch ebenso kontrastreich. Schneebedeckte Berge, fruchtbare Ebenen, tiefblaue Seen, wilde Flüsse, Wasserfälle, steinige Felsen, halbwüsten Bergsteppen und tiefe Schluchten sind charakteristisch für dieses Gebirge. Der Elbrus, oder Oshamacho wie ihn die Tscherkessen nennen, was soviel wie "Berg der Glückseligen" heißt, ist mit 5633 Metern der höchste Berg Europas. Von der subtropischen-feuchten Klimazone bis zum strengen Kontinentalklima sind nahezu alle Klimazonen der Erde im Kaukasus anzutreffen.
Die erhabene Schönheit und Dramatik der Landschaft, die Liebe und Ehrfurcht zu ihrer Heimat, speziell zu den Bergen, sind ein wichtiges Thema der kaukasischen Völker in ihren Mythen und Legenden, ihrer Poesie und Folklore.

Im Laufe der Geschichte sind dutzende Völkerschaften auf ihren Wanderungen in dem Gebirgszug zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer hängen geblieben, dort blieben sie zurück als wahrhaft rätselhafte Überbleibsel antiker Stämme und Völker, deren Herkunft bis heute nicht enträtselt ist, so entstand auf engstem Raum eine babylonische Sprachenvielfalt. Linguistisch sind diese mehr oder weniger scharf gesondert, doch durch die übergewaltige Natur des Landes einheitlich umgeprägt. Mit etwa 50 verschiedenen Sprachen die auf engstem Raum gesprochen werden, ist der Kaukasus linguistisch gesehen Einzigartig. Trotz der vielen verschiedenen Sprachen gibt es jedoch eine, die für alle kaukasischen Völker gemein ist - die eigentümliche Körpersprache der Kaukasier: "Der kaukasische Volkstanz".

Doch nicht nur Linguisten bietet der Kaukasus eine schier unerschöpfliche Fundgrube, ebenso den Geographen, Ethnographen, Geologen, Zoologen, Kulturhistoriker und Archäologen.
Der Begriff "kaukasische Völker" meint sowohl die im Nord- und Südkaukasus beheimateten Ureinwohner des Kaukasus, wie Abchasen, Tscherkessen, Ingushen, Tschetschenen, Georgier, Avaren, Lesgier, Laken usw. als auch die durch Zuwanderung und Assimilierung entstandenen Völker , wie die Armenier, Osseten, Karatschaier, Balkaren, Aseris, Kumuken und Nogaier, um die wichtigsten zu nennen.
Auch wenn jedes dieser Völker eine eigenständige Kultur besitzt, ist ihre durch jahrhundertelanges Zusammenleben gewachsene kaukasische Verwandtschaft unverkennbar. Edelmut, Tapferkeit, Ehrgefühl sind kennzeichnet für die Völker des Kaukasus. Die Gesetze der Gastfreundschaft und des ritterlichen Ehrenkodex wirkten im multiethnischen Kaukasusgebiet über Jahrhunderte stärker als religiöse Dogmen. Sie regelten das Dasein im Bienenkorb der Völker. Darauf basierte die Diplomatie, die trotz aller lokalen Konflikte und trotz ihres schweren Schicksals in der Geschichte den Gedanken der Gemeinschaft und der gegenseitigen Achtung bewahrte.

Die Kaukasische Kultur ist eine komplizierte historisch-kulturelle Erscheinung, die weder mit der westlichen noch mit der orientalischen Kultur gleichgesetzt werden kann.



Ethnisch-linguistische Karte des Kaukasus


Irfan Genel

Quellen:
- Paul Kentmann.: Der Kaukasus, Leipzig 1943
- Naira Gelaschwili.: Georgien ein Paradies in Trümmern, Berlin 1993
- Lesley Blanch.: Die Säbel des Paradieses, Hamburg 1965
- Halibeg Mussayassul.: Das Land der Letzten Ritter, München 1936
- Asijet Shadzhe.: Zum Problem des ethnischen Faktors in der kaukasischen Kultur, Edingen 
Neckerhausen 2003 Ethnographie der Tscherkessen 9